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Sprachförderung

"Wer nicht rückwärts gehen kann, dem fällt auch das Rückwärts-Zählen schwer.
Wer leicht das Gleichgewicht verliert, findet auch nie seine seelische Balance.
Wer eine Kreisbewegung nicht begreift, kann sich auch nicht anderen im Kreis anschließen."
(J. Piaget)

Sprachförderung im Kindergarten

Sprachliche Fähigkeiten sind grundlegend für erfolgreiche Lernprozesse und Bildungswege und ermöglichen soziale Teilhabe. Um allen Kindern in Österreich eine zuverlässige Basis für die Sprachanforderungen der Schule zu bieten, erarbeitete das Bundesministerium ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur frühen sprachlichen Förderung von Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren in Kinderbetreuungseinrichtungen. Es soll damit angestrebt werden, dass alle Kinder bei Eintritt in die Volksschule die Unterrichtssprache Deutsch ausreichend beherrschen, um dem Unterricht entsprechend folgen und in weiterer Folge eine befriedigende Bildungslaufbahn absolvieren zu können.

 

Die vier zentralen Bausteine sind:

  • Sprachstandsfeststellungsverfahren zur Ermittlung von Kindern mit spezifischem Förderbedarf

  • Definition von bundesländerübergreifenden Rahmenzielen der sprachlichen Bildung und Förderung von Kindern im Alter von 3-6 Jahren sowie von Deutschstandards zu Schuleintritt.

  • Qualifizierungsangebote für Pädagoginnen im Rahmen der Ausbildung sowie der Fort- und Weiterbildung

  • Stärkung der Eltern in ihrer Rolle als zentrale SprachvermittlerInnen


Sprachförderung als durchgängiges Prinzip
Sprachliche Förderung ist fester Bestandteil der Aufgaben von Kinderbetreuungseinrichtungen (BildungsRahmenPlan). Sprachförderung im Kindergarten vollzieht sich quer durch alle Aktivitäten und Bildungsangebote im gesamten Alltag. Es wird damit sichergestellt, dass Kinder in einer hochbedeutsamen Entwicklungsphase in ihrem Erwerb von einer, zwei oder mehreren Sprachen erfolgreich begleitet und unterstützt werden. Kinder in diesem Alter bringen von sich aus optimale Voraussetzungen mit, Sprache/n zu erwerben, auszubauen und zu verfeinern: Sie wollen mit ihrer Neugier die Welt sprachlich entdecken und begreifen, sie wollen zu einer Gruppe dazugehören, mit anderen ihre Erlebnisse und Erfahrungen teilen und sich mitteilen.

Gezielte, individuelle Förderung

Diejenigen Kinder, die noch nicht genügend Möglichkeiten hatten, die deutsche Sprache ausreichend zu erwerben, werden in den Kinderbetreuungseinrichtungen durch ganz gezielte, individuelle Förderung in ihrer sprachlichen Entwicklung unterstützt. Um genau zu erkennen, ob ein Kind einen besonderen Unterstützungsbedarf aufweist, werden alle Kinder spätestens 15 Monate vor Schuleintritt von geschulten Pädagoginnen mit einem Beobachtungsverfahren zur Ermittlung der sprachlichen Kompetenzen aufmerksam und systematisch beobachtet. Das erhaltene Bild über die Sprachkompetenzen des Kindes wird als Grundlage für die Ableitung von individuell abgestimmten, kindgerechten Fördermaßnahmen herangezogen.

Anbahnung der Bildungssprache Deutsch

Die Förderung zielt neben dem Aufbau von sprachlich-kommunikativen Kompetenzen speziell auf die Unterstützung des Erwerbs von Sprachstrukturen (Satzbau und Wortformen), rechhaltigem Wortschatz sowie altersgemäßer Erzählfähigkeit ab. Die sind wichtige Voraussetzungen für den erfolgreichen Umgang mit der Sprache der Schule, der Bildungssprache. Die Bundesländer haben dazu individuelle Modelle der Sprachförderung entwickelt.

Kontinuierliche Begleitung des Spracherwerbsprozesses

Die Fördermaßnahmen berücksichtigen, das Spracherwerb im Allgemeinen sowie der Erwerb der deutschen Sprache im Speziellen ein fortlaufender Prozess mit eigenen Gesetzmäßigkeiten ist. Darauf sind die Förderinterventionen abgestimmt, denn die Aneignung der Erstsprache oder die der Zweit(Dritt)Sprache Deutsch endet nicht mit dem Verlassen des Kindergartens. Sie setzt sich vielmehr kontinuierlich und schrittweise in der Schule fort. Der Bedeutung der Kontinuität der sprachlichen Begleitung des Kindes am Übergang von Kindergarten und Schule soll durch aktuelle Maßnahmen und Projekte verstärkt Rechnung getragen werden.

Prinzipien der Förderung

Spielerisch, kindgerecht, alltagsintegriert

Sprachförderung im Kindergarten ist kein formaler Unterricht: Qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen sowie eigens ausgebildete qualifizierte Sprachförderkräfte vermitteln abgestimmt auf die Bedürfnisse des Kindes die deutsche Sprache. Dies geschieht auf spielerische, kindgerechte Art und Weise, integriert in die Geschehnisse und Themen des Alltags unter Berücksichtigung der speziellen Interessen des Kindes. Mehrsprachige Kinder  werden in ihrer gesamtsprachlichen Kompetenz wahrgenommen und nach Möglichkeit durch den Einsatz muttersprachlichen Personals in ihren erstsprachlichen Kompetenzen gestärkt.

Großgruppe, Kleingruppe, Dialog

Die Sprachförderung findet in den verschiedenen Sozialformen des Kindergartens statt. Liegt der Vorteil der Großgruppe in der umfassenden sozialen Einbettung der Sprachaktivitäten, so bietet die Kleingruppe (3-6 Kinder) auch den etwas zurückhaltenderen Kindern eine Chance, zu Wort zu kommen, gehört zu werden und selbst aufmerksam auf Sprache zu hören. Sie gewinnen Selbstvertrauen in ihre sprachlichen Fähigkeiten und übertragen ihre Errungenschaften in die Großgruppe des Kindergartenalltags. Der persönliche Dialog zwischen Pädagogin und Kind wiederum ermöglicht ein besonderes Eingehen auf die Interessen des Kindes.

Die Pädagogin/ Der Pädagoge als Sprachvorbild

Die sprachfördernde Pädagogin/der sprachfördernde Pädagoge fungiert als Sprachvorbild, sie/er erstellt eine vertrauensvolle Beziehung zum Kind her, setzt an den sprachlichen Vorerfahrungen des Kindes an und stimmt ihre/seine Sprache auf die Bedürfnisse des Kindes ab. Sie/Er verhilft dem Kind, auf die nächste Stufe seines Spracherwerbs zu gelangen, indem sie/er die entsprechenden sprachlichen Strukturen und Formen gehäuft anbietet.

Das zentrale Medium der Sprachförderung ist daher die Sprache der Bezugsperson, zu der das Kind in einer positiven emotionalen Beziehung steht. Geeignete Materialien können zusätzlich als wertvolle Impulsgeber, zur Motivation und Aktivierung dienen.

Sprachstandsfeststellung

Ein zentraler Teil des Maßnahmenpakets zur frühen sprachlichen Förderung ist die Feststellung eines allfälligen Sprachförderbedarfs in den institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen durch Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen beziehungsweise durch andere geschulte Kräfte.  Damit soll  sichergestellt werden, dass Kinder mit Eintritt in die erste Schulstufe der Volksschule die Unterrichtssprache Deutsch nach den „Bildungsstandards zur Sprech- und Sprachkompetenz zu Beginn der Schulpflicht“ möglichst beherrschen.

Mit den beiden 2010 entwickelten Instrumenten "Beobachtungsbogen zur Erfassung der Sprachkompetenz in Deutsch von Kindern mit Deutsch als Erstsprache" (BESK 2.0) sowie dem "Beobachtungsbogen zur Erfassung der Sprachkompetenz in Deutsch von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache" stellt der Bund den Ländern geeignete Verfahren zur Verfügung. Alternativ kann auch auf ein vergleichbares auf sprachwissenschaftlicher und kindergartenpädagogischer Basis festgelegtes Instrumentarium, das eine eindeutige Aussage über den allfälligen Bedarf an früher Sprachförderung ermöglicht, zurückgegriffen werden (siehe länderspezifische Umsetzungen).

 

Grundsätzliches zur Sprachstandsfeststellung

Um Kinder mit einem erhöhten Bedarf an sprachlicher Unterstützung zeitgerecht zu identifizieren, führen geschulte PädagogInnen anhand der Kriterien des je gewählten Beobachtungsverfahrens  spätestens 15 Monate vor Schuleintritt eine gezielte, systematische Beobachtung des Kindes durch. In spielerischer Form und mit besonderer persönlicher Zuwendung wird  das Kind in Alltags- und Spielsituationen, in Gesprächen und beim Vorlesen beobachtet und so sein Sprachstand "festgestellt". Die Beobachtung ist nicht an eine einmalige Sitzung gebunden. Sie erstreckt sich über eine angemessene Zeitdauer, in der optimale Sprachsettings hergestellt und genutzt werden können.

Methode und Durchführungsschritte
Die Methode der Beobachtung ist ein grundlegendes Element der pädagogischen Arbeit. Wahrnehmung, Beobachtung und Interpretation der erhaltenen Ergebnisse stehen grundsätzlich zu Beginn jeden pädagogischen Handelns. Die Sprachstandsfeststellung ist daher in ihrer Methodik weit entfernt von einem formalen Test. Vielmehr reiht sie sich in den Reigen grundlegender pädagogischer Qualitäten ein, die dem Kind hochgradig zugutekommen.
Die konkrete Durchführung bzw. Umsetzung obliegt den Ländern. Die Verantwortlichen werden von den zuständigen Referaten über die konkreten Schritte informiert. Die Eltern werden zeitgerecht über die Maßnahmen und ihre Ziele in Kenntnis gesetzt.

Ziele

Ziel der Sprachstandsfeststellung ist es, Kinder mit besonderem Bedarf an sprachlicher Unterstützung und Begleitung zu identifizieren.
Bei Kindern mit Deutsch als Erstsprache wird eine altersbezogene Einschätzung vorgenommen: Es wird überprüft, ob das Kind über seinem Alter entsprechende sprachliche Kompetenzen verfügt.
Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache wird die Kontaktdauer mit dem Deutschen, das bedeutet  die bisherige Lerndauer des Deutschen  zur Einschätzung der Deutschkenntnisse berücksichtigt. Um ein der sprachlichen Realität mehrsprachiger Kinder gerecht werdendes Bild zu erhalten, sind nach Möglichkeit auch die erstsprachlichen Kenntnisse in den Blick zu nehmen.

Die erhaltenen Ergebnisse bieten eine Dokumentationsgrundlage für eine prozessorientierte Verlaufsbeobachtung. Aus den ermittelten Ergebnissen können Folgerungen für die Planung individueller Fördermaßnahmen gezogen werden.